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Geschichte und Historie



Eduard Baltzer Eduard Baltzer

„Unter allen Mitteln ist für Menschen die Wahrheitserkennung das mächtigste. Wenn also drei Menschen in der Wahrheit eins sind, so sind sie mächtiger  als Millionen, wenn diese im Irrtume einig sind.“
  Eduard Baltzer „Buch von der Arbeit“ , Seite 72

 „Je mehr ein Gedanke, für den ein Verein sich bildet, groß und wohltätig ist, desto mehr Kräfte bedarf er zu seiner Verwirklichung und je mehr er an das Licht der Öffentlichkeit tritt, desto leichter wird er sie finden.
 Eduard Baltzer „Buch von der Arbeit“, Seite 73

In diesem Jahr gedenken wir des Gründers der Jugendweihe. Er starb vor 120 Jahren.

Geschichtliche Rückblicke sind nicht zu unterschätzen. Mit ihnen erhält der Mensch Orientierung für die Gegenwart und entdeckt neue Perspektiven. Rückblicke bergen in sich die Gefahr, dass man sich von einer historischen Persönlichkeit ein Bild macht, welches nicht berücksichtigt, dass dieser Mensch zu seiner Lebenszeit mit ganz anderen Entwicklungs- und Rahmenbedingungen konfrontiert war.

Positives Erinnern verlangt, dass wir uns bemühen, dass vergangene geistige, kulturelle, soziale und politische Umfeld, zu welchem Eduard Baltzer gehörte, zu erfassen und wie ein Zeitgenosse von Eduard Baltzer zu denken.

Dennoch, um dieser historischen Persönlichkeit gerecht zu werden, kann aus der vorliegenden Literatur – Baltzer selbst hat sehr viel in seinem Leben geschrieben – und den bekannten Fakten aus seiner Biografie nur eine kleine Auswahl getroffen werden.
Eigentlich ist es nur möglich, dem Leser erkennbar zu machen, welch hochgebildeter, aufrichtiger , liebenswerter Mensch seiner Zeit Eduard Baltzer war. Eine Persönlichkeit voller Irrtümer und tiefer Religiosität, in seiner Überzeugung konsequent und bis ins hohe Alter bereit, den Kampf für seine Ideale zu führen.

Mein Dank für Informationen zu diesem Beitrag gilt besonders dem Vegetarierbund Deutschland e. V., welcher sich anlässlich des 100. Todestages von Eduard Baltzer (1987) eingehend mit dessen Biografie beschäftigte. Bei Interesse, welches über meine Informationen hinausgeht, empfehle ich Ihnen darum die Homepage www.vegetarierbund.de.

Henry Behrens



Eduard Baltzer – seine Wurzeln und sein Weg

In Europa brachten 1813 Preußen, Russland, Österreich, England und Schweden durch gemeinsames Vorgehen, Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig die kriegsentscheidende Niederlage in der Völkerschlacht bei.
Auf dem Wiener Kongress 1814-1815 „tanzten“ bei aufwendigen Vergnügungen der russische Zar, der Kaiser von Österreich und der König von Preußen.
Bei den nebenbei geführten Verhandlungen, welche sich zu einem üblen Länderschacher gestalteten, wurden die Forderungen und Wünsche der Völker jedoch nicht erfüllt.

Genau in dieser Zeit kam am 24. Oktober 1814 im protestantischen Pfarrhaus zu Hohenleina, einem Dorf bei Leipzig, Eduard Baltzer zur Welt.

Johann Wolfgang von Goethe war berühmter Geheimrat, Arthur Schopenhauer hatte gerade als Philosoph promoviert und Charles Darwin war gerade erst 5 Jahre alt. Man ging zu Fuß oder besaß ein Pferd. An Eisenbahnen war nicht zu denken.
Unerträglich war die soziale Not, waren die ärmlichen Lebensverhältnisse des einfachen Volkes.
Dies zur Kürze des geschichtlichen Umfeldes, in welches Baltzer hineingeboren wurde.

Er war das fünfte Kind des Pfarrers von Hohenleina. Liest man in seinen Erinnerungen, sieht man sein Elternhaus, den Pfarrhof von Hohenleina vor sich.       Die zwei Pferde, die Kühe, den Knecht und die Mägde, welche die Landwirtschaft besorgten und den Ententeich vor dem Haus.
„Ein Blick durch die Südfenster aber fiel ins Grüne ... und da genossen und ernteten die dankbaren Enkel, was der sinnige Großvater gesät hatte. Köstliche Trauben umrahmten die Fenster, goldige Aprikosen und saftige Birnen reiften im Garten.“       In dieser seltenen Idylle Deutschlands verbrachte Eduard Baltzer seine frühen Jahre.

Nach einer glücklichen Kindheit in seiner arbeitsamen, harmonisch lebenden Familie besuchte er ab dem 13. Lebensjahr die renommierte, für ihr streng militärisch ausgerichtetes Bildungsreglement bekannte, Klosterschule in Schulpforta bei Naumburg.
Eine Schule an welcher 30 Jahre später Friedrich Nietzsche 1844-1900 und dessen Freund und Mitschüler Paul Deussen, welcher die Upanischaden (Sammlung von philosophischen Schriften des Brahmanismus) aus dem Sanskrit ins Deutsche übersetzte und die Schopenhauer Gesellschaft gründete, ihre Ausbildung absolvierten. Schulpforta hatte für deutsches Geistesleben Bedeutung!
An dieser berühmtesten der drei Klosterschulen in Sachsen erhielt Eduard Baltzer die Grundlagen seiner humanistischen Bildung. Zeitlebens gedachte er seiner Ausbildung an dieser Schule und schreibt ein halbes Jahrhundert später:
„Wir lebten in der Tat in einem modernen Kloster. Die Welt draußen existierte für uns nicht ... Die Abgeschiedenheit von der zerstreuenden, verführerischen Außenwelt war allerdings geeignet, das Leben der Innerlichkeit zu nähren und zu stärken.“

1834 wurde Baltzer Student in Leipzig und belegte auf Wunsch des Vaters die Fächer Theologie und Philosophie.
Mit der Philosophie war jedoch die Tür zur Mathematik noch offen, zu welcher er sich damals stark hingezogen fühlte. Das freie und unabhängige Studentenleben brachte ihm, der er in der Abgeschiedenheit herangewachsen war, viele neue Eindrücke.  1836 stand seine endgültige Entscheidung fest. Das Theologiestudium in Halle, an einer preußischen Universität, sollte die Fortsetzung seines Studiums sein.

Fleißig verfolgte er seine Ziele und nur seine kurzen Ausbrüche, welche ihn auf Pferd nach Zwochen zu seinem Bruder brachten oder die kurzen Besuche in Hohenleina, seinem Vaterhaus, hielten ihn bei diesem zehn Stunden Ritt von der Arbeit am gleichen Tag in Halle ab.

Nach dem Examen (1838) kam es nicht entsprechend des Wunsches seines Vaters dazu Vikar in Hohenleina zu werden. Denn durch die sich überstürzenden Ereignisse, wie dem plötzlichen Tod des Vaters, ging der 80 Jahre der Familie gehörende Pfarrhof verloren. Die Familie findet später eine Bleibe in Delitzsch und 1841 ist Eduard Baltzer  Diakonus, Hofprediger und Hauslehrer. Er heiratet, seine Frau schenkt ihm eine Tochter und stirbt am Kindbettfieber. 

Noch ein Jahr später ist er in der ihn befallenen Verzweifelung und Melancholie in so schlechter seelischer Verfassung, dass ihn seine Freunde zu einer Erholungsreise drängen. Am 11. Juni reiste er nach Rügen ab. In seinen Erinnerungen heißt es:         „Zum ersten Mal sah ich Berlin ... In Stettin sah ich zum ersten Mal eine Hafenstadt, besuchte die Jakobi-Kirche ... Es war gerade Militärgottesdienst und der Prediger bewies dem gläubigen Publikum haarscharf, dass die Liebe Gottes uns auch nötige uns im Kriege totzuschießen. Ich hatte genug und ging ...“

Auf Rügen begegnete er den Königen von Preußen und Dänemark, die, wie er bei seiner Ankunft erfuhr,  in Putbus sich zu einem Treffen vereinbart hatten. Auch sah er damals Alexander v. Humboldt. Warum ist dies erwähnenswert? Weil so etwas damals besondere Ereignisse waren. Die Ruhe und die Insel taten ihm gut und er kehrte mit neuer Kraft nach Delitzsch zurück.

1844 heiratet er Luise Reil und widmete sich mit voller Kraft seinen Aufgaben als Seelsorger. Sein Wirkungsfeld im strengen Preußen konfrontierte ihn mit der Einengung der liturgischen Freiheit. Der gerechtigkeits- und freiheitsliebende Baltzer ließ sich als Pastor aber nicht durch behördliche Vorgaben einschränken und erklärte dem Konsistorium, dass er in der evangelischen- preußischen Landeskirche nicht mehr die Kanzel besteigen werde.
Es ist heute kaum vorstellbar, wie viel Zivilcourage damals dazu gehörte, sich der Obrigkeit zu wiederzusetzen, als Pastor und als ein „Provinzler“, ohne Rücksicht darauf, dadurch möglicherweise sein Amt zu verlieren. Er zieht nach Nordhausen, wo er 1845 Pastor an der Nicolaikirche ist. In diesem Amt wird er aber nie offiziell bestätigt.
In Nordhausen gründet sich im Januar 1847 eine freie, also von der Landeskirche und Staatsgewalt unabhängige Gemeinde. Er wird zu ihrem Prediger gewählt und sein Wirken ist von seiner tiefen christlichen Gläubigkeit getragen. Eduard Baltzer gibt der freien protestantischen Gemeinde starke Impulse und wird trotz öffentlicher und privater Anfeindungen zum Stadtverordneten gewählt.

Der Mehrheit der Bürgerschaft imponiert sein furchtloses Auftreten und seine wahrhaftige tiefe Gläubigkeit.

1848 das Jahr der Europäischen Revolutionen! Ausgehend von Frankreich, den Widerständen gegen allzu strenge Reglementierungen, dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, all dies forderte Veränderung. Es galt die unerträglichen sozialen Spannungen abzubauen.

Baltzer sitzt als Abgeordneter im Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche und kurze Zeit später in der konstituierenden Nationalversammlung in Berlin, um an einer neuen Verfassung mitzuwirken. Sein politisches Wirken schafft ihm nicht nur Freunde. So wird er nach einem Vortrag in Ellrich von verhetzten und betrunkenen Gegnern brutal zusammengeschlagen und erleidet Verletzungen, welche ihn für sein gesamtes weitere Leben sehr belasten.
Trotz dieser Enttäuschungen hat Eduard Baltzer seine Visionen einer sozialen und freien Gesellschaft nicht aufgegeben. Er entschließt sich daher, sein ganzes Wirken für das Gemeindewohl und im Sinne seiner humanistischen und ethischen Lebensauffassungen einzusetzen. Er selbst sagt dazu:
„Ich hatte nicht nur hinter Kulissen geblickt und gesehen, wie die Regisseure das politische Schauspiel arrangierten, ich hatte auch beobachtet, wie auf diesem Feld fast alle und jede Idealität verloren ging an niedere menschliche Eigenschaften; das stieß mich ab, das begann mich aufzureiben. (...) Mein ursprünglicher Beruf dagegen war ganz der idealen Seite des Lebens zugewendet, der Religion, allerdings nicht dem zelotischen Dogmatismus, der die Kirche beherrschte, sondern derjenigen, die dem Gemütsleben ethische Kraft und Reinheit verlieh.“
Es sei festzuhalten, Eduard Baltzer stemmte sich gegen die Diktatur von Staat und Kirche und bestand auf das Recht, unter welchem er als Priester angetreten war. Er war nicht, wie gefordert, quadratisch, praktisch, gut, sondern vertrat seine christliche Ansicht von Freiheit und Brüderlichkeit couragiert bis in höchste politische Instanzen.

Sein Wirken in Nordhausen war trotz ständigen Auseinandersetzungen mit Kirche und Staat sehr erfolgreich. Am 20. Januar 1851 entstand mit seiner Tatkraft der erste Kindergarten Preußens und einer der ersten in der Welt.

Kontrolleure aus Erfurt, als auch der Nordhäuser Magistrat fanden keinen Grund zur Schließung. Letztendlich reichte jedoch für das Verbot der Weiterbetreibung des Kindergartens die Tatsache, dass der Demokrat Baltzer der Initiator war. Der Kindergarten widersprach darum dem Ziel der offiziellen preußischen Bildungspolitik. Für das offizielle Preußen schien es unerträglich, freie und selbständig handelnde Menschen heranwachsen zu sehen.

In dieser Zeit entstand auch eine Schule der freien Gemeinde und in Konsequenz des vollzogenen Bruchs mit der Amtskirche wurden in seiner Gemeinde kirchliche Feste umgedeutet.

Die Taufe wurde zur Kindweihe. Das Himmelfahrtsfest wurde zum Frühlingsfest umgestaltet und das Abendmahl schaffte er gänzlich ab.
 
1852 gestaltet Eduard Baltzer eine Feier für Jugendliche und nennt diese anstatt Konfirmation Jugendweihe. Das war die Geburtsstunde des bis in unsere Zeit seitdem gefeierten Reifefestes Jugendweihe.

In Anerkennung seines Engagements wird Eduard Baltzer 1859 zum Präsidenten des Bundes freireligiöser Gemeinden gewählt. In dieser Funktion leistet er einen entscheidenden Beitrag für die Herausbildung der Geschlossenheit der Gemeinden im Kampf gegen Amtskirche und Obrigkeit.

1866 ist das Jahr neuer Erkenntnisse und Erfahrungen für Eduard Baltzer. Die Begegnung mit der vegetarischen Lebensweise und seinen Forschungen und Studien dazu, führt ihn zu einem neuen Lebensplan. Begeistert von seiner Idee beschließt er ohne Missionierung, sondern nur durch Vorbild und Aufklärung, diese neue Lebensweise zu vermitteln.

Bereits Ostern 1867 gründet er mit Mitstreitern einen kleinen Verein, der schnell regen Zulauf bekam und später als „Deutscher Verein für naturgemäße Lebensweise“ bekannt wurde. Die Geburtsstunde des bis in die heutige Zeit wirkenden Vegetarierbundes Deutschland e. V.

Durch lebendige Vorträge und durch seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit verband Baltzer die Hoffnung auf einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel der Menschen. So veröffentlichte er nicht nur ein vegetarisches Kochbuch, welches in mehreren Auflagen und großen Stückzahlen gedruckt wurde, sondern mit seiner besonderen schriftstellerischen Begabung, welche von der „Nordhäuser Zeitung“ sehr geschätzt wurde, verfasste er über 20 Jahre lang zahlreiche Leitartikel und Beiträge.

Als Baltzer am 24. September 1884 einen Artikel gegen die Hetzjagd verfasst und in diesem den Kronprinzen der Barbarei bezichtigt, wird er zu einem Monat Festungshaft verurteilt und erst ein Jahr später, nach quälender Ungewissheit vom Kaiser begnadigt.

In Baltzers letztem Lebensabschnitt musste er schwere Schicksalsschläge verwinden. So starben eine Tochter, als auch ein Sohn und er litt unter körperlichen Schmerzen, welche eine späte Folge der inneren Verletzungen aus dem Überfall auf ihn waren. Ende 1881 sah er sich darum veranlasst, sein Predigeramt in Nordhausen aufzugeben und zog nach 53 Jahren engagierter Arbeit nach Grötzingen bei Karlsruhe ins Haus seiner Tochter. Zwei Jahre später zieht er nach Durlach, wo er am 24. Juni 1887 stirbt und seine letzte Ruhestätte findet.    

Der Nachwelt hinterließ Eduard Baltzer neben der Jugendweihe Bedeutendes. In einer Sonderausgabe der Nordhäuser Zeitung vom 24. Juni 1887 wird das Leben des großen Sohnes von Nordhausen umfassend und ehrenvoll nachgezeichnet.

„... Nur diejenigen, welche ihm (Baltzer) näher gestanden haben, vermögen die Großartigkeit seiner Leistungen und Verdienste zu erkennen und gehörig zu würdigen. Es gibt nur wenige Männer in Deutschland und vielleicht darüber hinaus, welche wie er, zugleich auf religiösem, vegetarischem, sozialem, volkswirtschaftlichem und politischem Gebiet so Vieles und Großes für den Kulturfortschritt  durch Wort, Schrift und das eigene gute Beispiel, mit Opfern von Gut, Zeit und Gesundheit geleistet haben.“


Jugendweihe Berlin/Brandenburg e.V.
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