Festreden

Vorwort

Wenn Sie an dieser Stelle unter dem Stichwort Festreden zur Jugendweihe komplette Texte unserer Festredner erwarten, müssen wir Sie enttäuschen. Sind es doch in den vergangenen Jahren über 1.000 Redner gewesen, welche mit viel Liebe und Kreativität die richtigen Worte zum besonderen Fest der Jugendweihe wählten und vermittelten.
Um aber ein kleines Bild dieser Vielfalt an engagierten, bekannten und unbekannten Menschen zu malen, haben wir zwar nur einen Bruchteil an Ausschnitten aus Festreden hier einstellen können, aber dieser reicht aus, um die Begeisterung und die vielen Ideen zu vermitteln, welche in jedem unserer Redner steckt.
Jedem unserer Festredner ist es eine Ehre gewesen, den besonderen Tag unserer jungen Menschen mit seinen Worten zu begleiten.

Von uns an dieser Stelle dafür herzlichen Dank und Ihnen viel Spaß beim Lesen.

Petra Pau, Bundestagsabgeordnete (2005)

„... Mein erster Rat: Glaubt an Euch. Glaubt daran, dass Ihr einmalig seid. Aber glaubt nie, dass Ihr die Größten wäret und alle anderen nur Überfluss.
Der zweite Rat kommt von Indianern aus Südamerika. Wenn Wichtiges zu entscheiden ist, dann prüfen sie vorher, was das für die siebte Generation nach ihnen bedeutet. Diese Weitsicht ist klug und daran mangelt es hierzulande.
Mein dritter Rat stammt von Voltaire: ‚Ich bin nicht Deiner Meinung, sagte er, aber ich werde dafür sorgen, dass Du sie vertreten kannst.’ Diese Art des Umgangs wünsche ich mir und Euch im Alltag, in der Clique, überhaupt.
Mein vierter Rat ist ein Klassiker von Karl Marx: ‚An allem ist zu zweifeln.’ Lasst Euch nicht erzählen, das war schon immer so. Und lasst Euch nicht einreden, etwas wäre alternativlos. Gewiss: Die Politik versucht es und die Medien predigen es. Ihr müsst also klüger werden und kritischer sein.
Mein fünfter Rat ist biblisch: ‚Einer trage des anderen Last.’ Helft, wenn Ihr helfen könnt – in der Familie, in der Gesellschaft, in der Welt ...“

Werner Riedel, Ehrenpräsident Jugendweihe Berlin/Brandenburg e. V. (2005)

„... Ihr solltet immer daran denken: Alles, was Eure Eltern tun, tun sie aus Liebe zu Euch. Seit dem Tag, an dem Ihr auf die Welt gekommen seid, haben sie alles für Euch getan. Sie haben nächtelang an Eurem Bett gesessen, als Ihr Fieber hattet. Sie haben die ersten aufgeschlagenen Knie verpflastert und Euch getröstet, als der Spielkamerad Euch im Kindergarten die Schaufel geklaut hatte. Sie haben Eure Tränen getrocknet und sie haben Euren ersten Liebeskummer verstanden. Sie haben nicht nur Euch das Leben geschenkt, sie haben Euch auch einen großen Teil ihres Lebens gegeben und sie werden das auch weiterhin tun ...“

Heinz Schmeing, Mitarbeiter im Beschäftigungswerk des Berliner Behindertenverbandes (2004)

„... Das Leben hat Fehler, Macken, Ecken und Kanten. Nur wer sie akzeptiert, lebt voll und ganz.
Natürlich gibt es Tätigkeiten, bei denen Fehler gefährlich sind:
beim Autofahren, beim Überqueren einer Straße, beim Umgang mit Arzneimitteln. Aber aus solchen Situationen besteht nicht das ganze Leben. Dazwischen ist viel Raum für kleine und große Schnitzer.
Glücklicher, einfacher und geldsparender lebt ihr, wenn ihr einen Mittelweg zwischen Schlamperei und Perfektionismus findet. Hoffentlich fallen jetzt Eure Eltern nicht in Ohnmacht.
Und wir Erwachsene haben auch unsere Komplexe, mit denen wir leben. Zum Beispiel: ‚Wenn ich nicht alles vollkommen richtig mache, bin ich ein Versager’! Warum eigentlich?
Ich habe mich mit meinen Fehlern angefreundet und lebe ganz gut mit ihnen. Ich kann nur raten, freundet Euch mit Euren Fehlern an. Betrachtet doch einmal Eure Mitschüler oder Verwandte: Oft sind deren Fehler das Interessanteste an ihnen.
Sagt zu Euch selbst: ‚Meine Fehler machen mich einzigartig und kostbar.’ Stellt Euch vor den Spiegel, strahlt Euch an, und sagt laut: „Ich bin teilerfolgreich’...“

Stefan Liebig, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (2004)

„... Ist man nun mit 14 Jahren bereit erwachsen zu sein? Wird man nun von seiner Familie als Erwachsener akzeptiert werden? Werden Fragen, wie ‚Wann kommst Du heute nach Hause?’, ‚Wer war das denn eben am Telefon?’ und Bemerkungen, wie ‚Solange Du Deine Beine unter unseren Tisch streckst ...’ nun endgültig der Vergangenheit angehören? Ich muss Euch enttäuschen. Bis es soweit sein wird, wird es für Euch, aber auch für Eure Familien vermutlich noch ein langer und steiniger Weg. Ich darf Euch aus meiner eigenen Erfahrung heraus bereits jetzt mein herzlichstes Beileid aussprechen. Aber Euren Eltern auch. Wahrscheinlich werden noch viele Tränen fließen, zu laute Worte gewechselt und Türen geknallt werden, bis Ihr die Akzeptanz erlangt, die Euch meiner Ansicht nach zusteht ...“

Udo Beyer, Olympiasieger und Weltrekordler im Kugelstoßen (2003)

“... Ihr werdet Fehler machen, aber habt den Mut, zu ihnen zu stehen, denn eins habe ich im Leben und im Sport gelernt:
Aus Fehlern lernt man und aus Niederlagen geht man gestärkt an neue Ziele, wenn man sich nicht vor der Wahrheit scheut und die richtigen Schlüsse zieht – und vor allem nicht die Fehler bei Anderen sucht.
Ihr seid mit 14-15 Jahren nicht automatisch Erwachsen und wir Erwachsenen geloben Euch auf diesem Weg der Erkenntnis mit Rat und Tat zur Seite zu stehen ... übt aber Nachsicht, wenn wir nicht immer Eurer Meinung sind ...“

Patrick Fox, Schüler, 15 Jahre (2001)

„ ... Nun seid Ihr nicht mehr die niedlichen Kleinen, die an den Klapperstorch und den Weihnachtsmann glauben und immer ihren Eltern gehorchen. Da muss es einfach krachen. Bei dem einen wird das einfacher werden und bei anderen kann es zu mittelschweren Katastrophen kommen. Aber für diese überaus schwierige Zeit des Auseinanderlebens und Abnabelns von der Familie gebe ich Euch einen Rat: Setzt nicht zuviel aufs Spiel! Ihr werdet sehen, dass viele unglaublich schlimme Dinge im Rückblick gar nicht mehr so schlimm erscheinen werden. Bei allem Zoff, den es vielleicht geben wird, wägt ab, ob es wert ist, eine der innigsten Beziehungen die es gibt, nämlich die zwischen Eltern und Kind aufs Spiel zu setzen ...“

Sandra Scheffel, Abiturientin, Mitglied Jugendweihe Berlin/Brandenburg e. V. (2001)

„ ... Heute, der Tag an dem ihr Eure wohlbehütete Kinderwelt verlassen werdet, werdet ihr zahlreiche Ratschläge mit auf den Weg bekommen.
Vielleicht verinnerlicht Ihr einige und ignoriert sie nicht nur. Aber eigentlich ist es das Beste, wenn Ihr Eure eigenen Erfahrungen in der Welt der Erwachsenen sammelt, wie es auch Eure Eltern und Großeltern zuvor gemacht haben.
Ich hoffe Sie, liebe Eltern und Großeltern, werden ihren Kindern immer zur Seite stehen, falls Probleme auftauchen sollten und liebe Jugendweihlinge verlasst Euch darauf, sie werden auftauchen. Grundsätzlich hat man mehrere Möglichkeiten sich in dieser Welt zurechtzufinden.
Doch das Leben ist zu kurz, speziell die Jugend, um die Zeit damit zu verschwenden, anderen Lebenseinstellungen oder Modeerscheinungen hinterherzulaufen. Gebt Euch selbstbewusst und legt Euch Eure eigene Lebensphilosophie zu ...“

Angela Marquardt, Mitglied des Deutschen Bundestages (2001)

„ ... Die Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens sammeln, sind das kostbarste Gut, das wir haben. Und es ist vor allem auch ein Gut, das uns niemals jemand wegnehmen kann. Egal was passiert.
Der Schriftsteller Erich Kästner hat einmal gesagt, dass man seine Kindheit nicht zurücklassen sollte. Für viele Menschen ist ihr Leben wie eine Treppe. Sie steigen jedes Jahr eine Stufe hinauf und schneiden dabei die Stufen hinter sich ab. Irgendwann stehen sie auf der letzten, obersten Stufe vor einer verschlossenen Tür und gucken dumm aus der Wäsche.
Kästner schlug deshalb vor, die Stufen, die man hinter sich lässt, nicht abzuschneiden. Und die ganze Treppe immer wieder auf und ab zu hüpfen. Er meinte damit sicher, dass die Kindheit nichts ist, die man einfach für beendet erklären sollte. Wer es als Erwachsener verlernt hat, auch Kind zu sein, dem fehlt nämlich eine ganze Menge ...“

Prof. Dr. Gernot Zellmer, Unternehmensberater (2000)

„ ... Nehmt es Euren Eltern ab, dass sie heute besonders stolz auf Euch sind. Sie haben alles dafür getan, dass Ihr glückliche Kindheitstage erleben konntet. Sie haben bereitwillig auf manches verzichtet, um aus Euch Menschen zu machen, die im Leben ihre Frau oder ihren Mann stehen können. Ich halte das deshalb für so bemerkenswert, weil Eure Kindheit in eine Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen fiel, die Eure Eltern vor neue, ungewohnte, zum Teil die Existenzgrundlagen berührende Herausforderungen stellte, in der sich viele von ihnen im beruflichen und privaten Leben neu orientieren mussten.

Eure Mütter und Väter werden den heutigen Tag aber nicht nur mit einem lachenden, sondern auch mit einem weinenden Auge mit Euch begehen. Das lachende drückt ihren berechtigten Stolz, das weinende ihre ahnungsvolle Wehmut aus. Denn sie wissen, dass nun die Zeit kommt, wo Ihr flügge werdet, wo Ihr immer mehr auf eigenen Füßen stehen wollt, wo Euch Beruf oder Studium in die Ferne ziehen werden, wo das tägliche familiäre Miteinander einem Auf-Besuch-Kommen weicht ...“

Dr. Kurt Merkel, Historiker (2000)

„... Wo wir uns begegnen werden, wir als Erwachsene und Ihr als die neue Generation der Zukunft, das sind einige unserer gemeinsamen Träume.
Träume von einer friedlichen und gerechten Welt, in der jeder akzeptiert wird, so wie er nun einmal ist. Wo Leistung belohnt wird, in welcher aber für die Erfüllung von Wünschen nicht der Nachbar mit Ellenbogen verdrängt wird.
Wir Erwachsenen haben so ziemlich versagt in dem Versuch, manche unserer großen Wünsche zur Wirklichkeit zu machen. Ich bin mir sicher, dass ich nicht die Erfüllung aller meiner Sehnsüchte erleben werde.
Ich wünsche aber heute, dass es Euch besser gelingt, all Eure Träume auf Eure Weise zu verwirklichen ...“

Thomas Meier, Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung Weißensee (2000)

„ ... Das wichtigste im Leben ist der Umgang mit dem Menschen. Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Frieden und Zukunft. Das Einzige, was uns von Menschen mit einer anderen Kultur, Hautfarbe, Weltanschauung oder Haarfarbe trennt, sind Vorurteile. Diese sind schnell aufgebaut und lassen sich nur schwer wieder beseitigen.
Diese Welt ist groß genug und hat Platz für alle Menschen. Niemand sollte einen anderen verurteilen, nur weil er eine gleichgeschlechtliche Beziehung führt oder eine andere Religion gewählt hat. Zulange hat man Menschen deswegen aus Intoleranz verfolgt und auch umgebracht. Selbst heute gibt es noch Länder in denen solch ein Verhalten auf der Tagesordnung steht.
Möge das Gewissen und der gesunde Sinn der Völker lebendig werden, damit wir eine neue Stufe des Zusammenlebens erreichen, von der aus Kriege als unbegreifliche Verwirrung der Vorfahren erscheint. So brachte es Albert Einstein auf den Punkt ...“

Harry Mehner, Journalist (1998)

„... Es ist dies heute ein feierlicher Augenblick, wie er dem Anfang einer neuen Lebensetappe geziemt. Aber es ist gewiss kein gänzlich anderer Film, in dem Ihr ab heute in einer völlig neuen Rolle mitspielt.
Bedeutung jedoch hat so ein Anfang allemal. Von dem römischen Dichter Martial stammt der Satz: „Ein guter Mensch bleibt immer Anfänger.“ – Was mag er damit gemeint haben? Vielleicht, dass man sich die Neugier, Phantasie und Freude, den Elan eines Anfangs bewahren soll. Oder auch, dass wir das Erwachsenwerden um Himmels willen nicht so ernstnehmen sollten.
Sagt man doch von manchem noch in späteren Jahren: „Die oder Der wird nie erwachsen!“ Ist das denn so schlecht, wenn man einiges von dem behält, was ein Kind ausmacht? Diese Welt wäre vielleicht besser, wenn die sogenannten Erwachsenen – zudem die, die etwas zu bestimmen haben – häufiger die unbeschwerte, spielerische, praktische Sicht der Kindheit und Jugend besäßen, ehrlich und unverdorben, ohne List und Tücke. Denn – um es mit einem Sprichwort zu sagen: Verstand hat man nicht im Alter, sondern im Kopf.
Und ich möchte uns Alten – man verzeihe mir den respektlosen Begriff – ich möchte uns Alten den Rat geben, unsere Kinder nicht nur heimlich zu beneiden ob ihrer Jugend. Hin und wieder tut es ihnen wohl, wenn sie unseren wehmütigen und gutgemeinten Neid spüren, als Ansporn gewissermaßen, aus dem, was jetzt unmittelbar vor ihnen – leider aber schon hinter uns – liegt, noch mehr zu machen, als wir es vermochten.
Etwas Besonderes muss schon dran sein an diesem Alter von etwa 14 Jahren. In grauer Vorzeit, aber auch in anderen Kulturen der Gegenwart, war und ist man zum Beispiel von diesem Moment an nicht nur fähig zur Heirat und Familiengründung, es wird sogar nachgerade von einem erwartet. Ich bitte vor allem die Mütter und Väter hier im Saal, sich für einen Augenblick vorzustellen, sie säßen heute nicht in einer Jugendweihefeier sondern auf dem Standesamt oder vor dem Traualtar ...“

Prof. Rainer Ortleb, Mitglied des Deutschen Bundestages, Bundesminister a. D. (1996)

„... Liebe Freunde, darf ich Ihnen Lehren mitgeben? Ich versuche es: Junge Leute sind, und das ist völlig normal, eigentlich nicht belehrbar. Das ist gewiss gut so. Nur, wünsche ich mir, dass Sie trotzdem alle Kritik gegenüber sich selbst zu bewahren in der Lage bleiben. Versuchen Sie es.
Wenn Sie wollen, dass man Sie versteht, müssen Sie lernen, andere zu verstehen. Nichts ist schlimmer, als andere nicht anzuhören. So wie Sie heute gehört werden wollen, wollen das auch andere. Die DDR starb daran, dass man andere nicht hören wollte. Machen Sie also Ihre Ohren auf und hören Sie besser zweimal zu, um richtig zu verstehen und zu entscheiden.
Wenn Sie nicht allein sein wollen, dürfen Sie andere nicht allein lassen. Es gibt Not, Krankheit und Einsamkeit. Haben Sie offene Augen dafür. Nehmen Sie die Bitte mit, dann zu helfen. Geizen Sie nicht mit Liebe und Fürsorge für den anderen. Wenn Sie nicht arm sein wollen, dürfen Sie andere nicht arm sein lassen. Unsere Gesellschaft hat harte Regeln. Ich bin nicht dafür, muss Ihnen aber helfen können. Was Sie immer auch in Zukunft seien mögen, bleiben Sie gerecht. Wollen Sie nehmen, müssen Sie auch geben.
Es ist meine Angst, dass Sie das nicht tun. Wollen Sie Gleichheit, dann müssen Sie es versuchen. Dann machen Sie es ...“

Gerhard Holtz-Baumert, Schriftsteller (1994)

„... Das Leben verläuft wie ein Fluss: es bewegt sich stetig, meist leise, strömend, Welle an Welle, gleichmäßig. Und doch gibt es Tage, Stunden, die man nie vergisst, die sich herausheben. Eure Einschulung, liebe Mädchen und Jungen, war ein solcher Moment in der Bewegung des Lebens.

Da seid ihr mit der großen bunten Tüte gelaufen, aufgeregt, begeistert, in die Schule zu kommen. Ihr ahntet, es würde eine neue Zeit für Euch beginnen. Und vielleicht habt ihr die kleine Träne in Mutters oder Omas Auge bemerkt. Warum denn bloß? habt ihr vielleicht gedacht. Weil Eltern, Großeltern und Verwandte – die ich alle hier herzlich begrüße – weil damals die Erwachsenen besser als ihr wussten, was dieser Tag bedeutete: Abschied von der unbeschwerten Kleinkinderzeit, mehr Pflichten, mehr Einblicke ins ernste Leben.
Ähnlich, aber allen noch deutlicher, ist es heute. Mit diesem Tag tretet ihr in ein anderes Leben ein: in das Erwachsenenleben.
Das ist natürlich kein Endpunkt – es ist die gleiche Wegstrecke – aber sie ist anders als vorher ...“

Manfred Bofinger, Karikaturist (1993)

„... Überhaupt ist es ganz schön, nie alles zu wissen, weil man dann immerzu etwas Neues erfahren kann. Dies kann ungeheures Vergnügen machen, weil das Leben ja nicht nur aus Schule besteht, die zugegebenermaßen manchmal durchaus auch Spaß machen kann, zum Beispiel, wenn’s Ferien gibt. Spaß machen kann viel im Leben: sich verlieben, Freunde besuchen, Dinge erfinden, Bilder malen, Gitarre spielen, eine Rede halten, Kinder haben, Wein trinken, beides etwas später natürlich, auf Berge klettern, Blumen pflücken, lange schlafen, nach Hause kommen, chinesisch sprechen, ein Buch lesen, ins Kino gehen, einen Witz verstehen, nach Australien fliegen und vieles mehr. Darüber könnt ihr ab sofort zu eurem Vergnügen ganz ernsthaft nachdenken. Keiner kann euch außerdem ernsthaft daran hindern, diese Träume zu erfüllen, es gehört, zugegeben, nur ein bisschen Glück und Anstrengung dazu, bei vielen werden euch die Eltern und Großeltern, Verwandte, Lehrer und Freunde helfen. Und zur Erfüllung von Träumen gehört Freundlichkeit. Dies vor allem.
Denn sonst wird man euch nicht lieben oder bewundern, sondern verachten. Mit Freundlichkeit erhält man sich das eigene Vergnügen an allen Dingen, die man sich vornimmt. Seid rücksichtsvoll gegen Schwache, hasst die Gewalt, bemüht euch, Fremdes zu verstehen und zu achten, seid unternehmungslustig und keine Trauerklöße oder eiskalte Rechner, lasst euch nie gedankenlos verführen und seid klüger, ehrlicher und eigensinniger als wir Älteren es oft genug waren und sind. Das ist mein innigster Wunsch an euch an diesem Tag.
Feiert diesen Wundertag, jetzt, wo ihr schon beinahe erwachsen seid, so verrückt und ausgelassen wie möglich und manchmal auch ein bisschen leise, so wie das Leben eben sein wird, das ich euch allen wünsche, schön durchwachsen ...“

Angelika Barbe, Mitglied des Deutschen Bundestages (1993):

„... Liebe Eltern und Großeltern, sie wissen wie geduldig Ihre Kinder geübt haben, bis sie laufen lernten, wie oft sie hingefallen und doch wieder aufgestanden sind. Was könnten wir Erwachsene alles fertig bringen, wenn wir bei Dingen, die uns wichtig sind, die Geduld und Konzentration unserer Kinder hätten.
Wichtig wären Erzieher, Lehrer, Politiker mit hervorragenden seelischen und geistigen Eigenschaften. Denn nicht Wissensvermittlung ist das Ausschlaggebende, was Kinder und Jugendliche prägt, sondern die Weitergabe menschlicher Haltungen. Mut gehört auch oft dazu, wenn man an seinen Überzeugungen festhält, obwohl die Mehrheit der öffentlichen Meinung anders denkt.
Und Ihr Jugendlichen habt es leichter, wenn in Eurem Bekannten- oder Verwandtenkreis solche Menschen leben, an denen Ihr Euch ein Beispiel nehmen könnt, weil sie Ideen vertreten um der Überzeugung willen – nicht wegen eines Vorteils.
In früheren Epochen wurden Menschen deshalb hoch geachtet, weil sie seelisch und geistig Vorbilder waren, wie z. B. Albert Schweitzer.
Heute stehen in der Öffentlichkeit manche Filmstars, Geschäftsleute, Politiker denen Ihr nicht unbedingt nacheifern solltet. Wenn die Liebe aber von dem Einfluss der Gesellschaft abhängt, in welcher die Menschen leben, so muss man kritisch fragen, ob die heutigen Zustände unserer westlichen Welt die Liebe fördern. Ich behaupte, dass die Liebe hier kaum gedeihen kann ...“

Inge von Wangenheim, Schriftstellerin/Schauspielerin (1992):

„... Ich hoffe, Ihr begreift Euren Vorteil, den Euch die weltumspannende Veränderung aller Verhältnisse anbietet. Ihr erlebt sie zunächst vor allem noch in der Schule. Sie ist der zentrale Faktor Eurer Entwicklung, Eurer Chancen und Aussichten. Was dort versäumt wurde, müsst Ihr später aus eigener Kraft nachleisten und erbringen. Was dort an Euch geleistet und erbracht wurde, macht den Grundstock Eures Bildungskapitals, auf dem Ihr später Euer Leben aufbaut und gestaltet. Ich betone diesen Umstand so ausdrücklich, weil Bildung der einzig reale Besitz ist, den keine Macht der Welt Euch wieder wegnehmen kann. Der Mensch kann ausgeplündert werden bis aufs Hemd, und das passiert auch weit öfter, als ihm liebt ist, doch was er im Kopf mit sich herumträgt, das allein ist unzerstörbar, gehört ihm allein. Und ist es gar von originalem Wert, dann überlebt es alle Zeiten – betone: a l l e Zeiten! Denn wer wüsste heute noch von Archimedes und Marc Aurel, von Luther und Shakespeare, von Goethe und Schiller, wenn nicht ihre weltumspannende Bildungsleistung sie unsterblich gemacht hätte. ...“